19.09.2017 14:00 von Yannick Wingenfeld

„Wenn ich mal erwachsen bin, werde ich keine Kirche von Innen betreten“

Gertrud Brems morgendlicher Weg ins Büro ist kurz. Sehr kurz sogar. Denn das Haus muss sie dafür nicht verlassen, sondern nur das Stockwerk wechseln. Seit Januar 2017 arbeitet die 59-Jährige als Dekanatsreferentin für das Dekanat Augsburg-Land – und das Büro für den Job hat sie bei sich zu Hause eingerichtet. Und zwar mit herrlichen Ausblick auf die Natur der westlichen Wälder.

 

Gertrud Brem besetzt eine von insgesamt nur zwei Dekanatsreferentenstellen im Bistum Augsburg. Der andere Kollege arbeitet in Füssen und ist für das Dekanat Marktoberdorf zuständig. „Als Dekanatsreferentin möchte ich Pastoral in einem größeren Raum gestalten“, antwortet sie auf die Frage, was eine Dekanatsreferentin eigentlich tut.

 

Das klingt gut. Aber was bedeutet das konkret? „Es bedeutet, dass ich als Dekanatsreferentin Prozesse im Dekanat begleite und damit den Dekan entlaste. Zum Beispiel wenn Pfarreiengemeinschaften entstehen, erarbeite ich ein Entwicklungskonzept für die Pfarreien. Ich organisiere und bereite inhaltlich Dekanatskonferenzen vor, erstelle für das Dekanat die Firmpläne oder auch die Urlaubspläne der Pfarrer. Ich begleite auch die Aktionen des Dekanatsrats.“ Das Dekanat Augsburg-Land ist eines der großen Dekanate des Bistums. Bevor Gertrud Brem da war, oblagen diese (und viele weitere administrative und organisatorische) Aufgaben dem Dekan allein. Der ist allerdings auch noch – und hauptsächlich – Seelsorger und Pfarrer für zwei Pfarreien. Da musste Unterstützung her! So wurde eine Dekanatsreferentenstelle für Augsburg-Land geschaffen und mit der gebürtigen Hirblingerin besetzt.

 

Seit fast 33 Jahren beim Bistum Augsburg angestellt

 

Eine Ausbildung oder ein Studium zur Dekanatsreferetin hat Gertrud Brem zwar nicht – das gibt es auch nicht – dennoch ist sie mehr als qualifiziert für den Job. Ihr ganzes Berufsleben, also nun mehr fast 33 Jahre, arbeitet sie bereits beim Bistum und kennt den Betrieb zudem auch noch von verschiedenen Standpunkten. Sie war schon Gemeindereferentin bei der Katholischen Jugendfürsorge (KJF), Pastoralreferentin im Seelsorgeamt, Referentin für Erwachsenenbildung und zuletzt war sie als Organisationsentwicklerin und Gemeindeberaterin in der Abteilung „Personal-Organisations- und Pastoralentwicklung“ tätig.

 

Kirchlicher Dienst – ein Berufswunsch von klein an? Bei Gertrud Brem wahrlich nicht! „Ich bin in einem strengen, katholischen Elternhaus groß geworden, auf einem Bauernhof in Hirblingen. Meinem Vater waren Kirche und Frömmigkeit sehr wichtig. Als Kind hat es mir viele Probleme bereitet, dass ich zu jedem Gottesdienst, jeder Andacht, jedem Rosenkranz gehen musste. Auch in der Volksschule mussten wir vor dem Unterricht immer zum Gottesdienst.“ Während ihrer Kindheit und frühen Jugend war Glaube für sie vor allem mit großer Strenge und vielen Regeln verbunden. „Das war eine Zeit, in der ich prophezeite, wenn ich mal erwachsen bin, werde ich keine Kirche von Innen betreten.“ Den Umschwung brachte die Katholische Landjugendbewegung (KLJB).

 

KLJB – die Möglichkeit, etwas zu erleben

 

Anfang der 70er Jahre belebt Pater Dominikus vom Orden der Dominikaner im Augsburger Umland die Jugendarbeit. Für die damals 14-, 15-Jährige Gertrud Brem ist eine Freizeitbeschäftigung nur unter „dem Dach der Mutter Kirche“ möglich, wie sie sagt. Eine andere Form gestatten die konservativ gläubigen Eltern nicht. „Die Katholische Landjugendbewegung war für mich die einzige Möglichkeit etwas zu erleben“, erinnert sie sich. Eine Wochenendfreizeit in der Jugendbildungsstätte Jugendhaus Elias ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Neben der KLJB verbrachte ein Chor dort zeitgleich ein Probenwochenende. „Da habe ich zum ersten Mal tolle, moderne Musik in der Kirche gehört“, erzählt Getrud Brem. „Es war ein tolles Erlebnis. Wir haben die Musik damals auf Kassette aufgenommen und zu Hause immer wieder gehört.“ Von da an ist sie Feuer und Flamme für die KLJB, die gemeinsamen Erlebnisse, die Erfahrung der Gemeinschaft – kurzum das, was man als KLJB-Feeling beschreiben kann. Brem wird für insgesamt sechs Jahre Vorsitzende der KLJB Kreisrunde Augsburg-Land. Faschingsbälle, Zeltlager, Jugendgottesdienste und natürlich auch Partys organisiert die Landjugend damals. „Die Leute, die sich in der KLJB engagiert haben, das war damals meine Clique. Es war eine sehr beeindruckende und prägende Zeit. Den Erfahrungen dieser Zeit ist es zu verdanken, dass ich bei der Kirche arbeite.“

 

Über den Tellerrand schauen, Netzwerke aufbauen

 

Nach dem Schulabschluss absolviert sie zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin, etwas Handfestes – doch die Leidenschaft liegt woanders. Die KLJB Augsburg-Land hat zu dieser Zeit einen promovierten Neutestamentler als Geistlichen Begleiter, Dr. Werner Hörmann. „Er war großer Griechenland-Fan und hat uns zum Philosophieren angeregt. Und das in einem kleinen Dorf im Holzwinkel! Er hat uns auf dem Land eine Welt aufgemacht, mit der man sonst als ‚Landpflanze‘ nicht in Berührung kommt. Über den Tellerrand zu schauen, Netzwerke aufzubauen, das ist etwas, das ich damals während meiner KLJB-Zeit gelernt habe.“ So entschließt sich Gertrud Brem zunächst zu einem Studium der Religionspädagogik, dann der Theologie in Eichstätt und Augsburg. Nach dem Studium kommt sie zurück nach Augsburg: „Schließlich war ich noch in der KLJB aktiv und wollte das auch weiter bleiben.“

 

Heute ist sie dem Erwachsenenverband, dem Katholischen Landvolk, näher als der KLJB. Auch weil das Landvolk ihre Kompetenzen als Gemeindeentwicklerin immer wieder anfragt. Doch hin und wieder kommt sie in dieser Funktion auch zur KLJB.

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